„Können Sie mir bitte einen Döner holen? Danke.“

So begrüßt mich vor knapp 20 Jahren mein damaliger Psychotherapeut, bei dem ich wegen starker Depressionen in Behandlung bin. Höflich wie ich bin, dackle ich mit seinen fünf Mark in der Hand los und kaufe ihm den Döner, den er kurz danach genüsslich während unserer Sitzung verspeist.

Ich erzähle von meinen Problemen und ihm trieft die Soße über die Finger? Das kann doch wohl nicht sein Ernst sein!  Aber wie komme ich aus der Nummer raus?

Jetzt sag doch endlich mal Stopp!

Herr N. weiß, dass genau darin mein Problem liegt.

  • Dass ich immer freundlich bin und versuche, es allen recht zu machen.
  • Dass ich meine traurige Stimmung hinter einer lächelnden Maske verstecke.
  • Dass ich niemanden daran teilhaben lasse, wie ich mich wirklich fühle.
  • Dass ich vor lauter Ansprüchen an mich selbst vergesse, einfach mal zu leben.

Ich funktioniere. Ich erfülle Erwartungen. Ich versuche, meinen Platz in dieser Gesellschaft zu finden. Ich fühle mich mit all dem überfordert.

Damals, mit Mitte 20, arbeite ich in der Jugendwohngruppe eines Kinderheims. Ein herausfordernder Job, bei dem es darauf ankommt, sich abgrenzen zu können. Genau mein Ding … nicht! Ich bin mit vielen Schicksalen, aber auch Gewalt konfrontiert. Ich trage eine große Verantwortung, wenn ich alleine Dienst habe.

Für diesen Beruf habe ich mich entschieden, weil ich mit Menschen arbeiten möchte. Ich will ihnen helfen, ihre Probleme zu lösen. Will für andere da sein und dadurch einen Sinn in meinem Leben gewinnen. Ich scheitere gnadenlos mit diesem Anspruch und rutsche in eine Depression.

Den Job im Kinderheim hänge ich kurz darauf an den Nagel.

Wer bin ich und was will ich

Die folgenden Jahre arbeite ich zuerst im Kundenservice, später als Trainerin in einem großen Mobilfunkkonzern. Mit Kunden zu arbeiten, macht mir Spaß. Es bietet mir ebenfalls die Möglichkeit, Probleme zu lösen und darin bin ich richtig gut. Lösungsorientiert, empathisch, kommunikativ.

Doch auch bei diesem Job werde ich immer wieder damit konfrontiert, Grenzen zu ziehen.

  • Kunden gegenüber, die mich respektlos behandeln.
  • Kollegen gegenüber, die versuchen, ihre Arbeit auf mich abzuwälzen.
  • Vorgesetzten gegenüber, für die Freizeit ein Fremdwort ist und die erwarten, dass ihre Mitarbeiter rund um die Uhr verfügbar sind.

Ein Nein oder Stopp kostet mich jedes Mal eine Menge Energie. Und so sage ich viel häufiger Ja, als ich es möchte. Hauptsache, ich habe meine Ruhe.

Doch diese Ruhe ist trügerisch. Sie geht auf meine Kosten und raubt mir meine Energie.

Zeitsprung

Ich bin in den letzten 20 Jahren durch einige Täler mit Depressionen und einem Burnout gegangen. Bis ich verstanden habe, dass ICH für mein Wohlergehen verantwortlich bin und kein anderer. Nicht mein Partner, nicht mein Chef, nicht meine Kollegen oder Nachbarn.

Es ist nicht meine Aufgabe, allen Erwartungen gerecht zu werden. Es ist meine Aufgabe, mir selbst gerecht zu werden. Und dazu gehört es auch, Stopp oder Nein zu sagen.

Dieser Artikel ist der richtige für dich, wenn dich die Angst davor abhält, egoistisch zu sein.

Guten Appetit

Noch heute muss ich schmunzeln, wenn ich mich an die Döner-Situation erinnere. Ich sehe Herrn N. damit deutlich vor mir auf dem Stuhl sitzen. Als wäre das nicht genug, fragt er mich auch noch „Stört es Sie, wenn ich während unserer Sitzung esse?“

Ja, verdammt nochmal, das stört mich. Und es stört mich auch, dass er bei seiner Frage schelmisch lächelt. Er weiß genau, wie sehr ich mit mir ringe, ihm meine Grenze klar zu machen. Doch mit seiner provokanten, unkonventionellen Art gelingt es ihm, mich aus der Reserve zu locken und mit der Hand auf den Tisch zu hauen – so nicht!

Sein angemampfter Döner musste daraufhin warten.

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